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Prof. Dr. Martin Wortmann | 23.05.2019 - libdela.de

"Rede zum Festakt der Stadt Remscheid '70 Jahre Grundgesetz' "

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Mast-Weisz, sehr geehrte Damen und Herren, dass ich hier zum Anlass der 70-Jahrfeier des Grundgesetzes zu Ihnen über zwei zentrale Begriffe unserer liberalen Demokratie sprechen darf, dafür möchte ich mich bedanken. Und ich bedanke mich auch für die Themenstellung. Sie erlaubt den Blick auf Zusammenhänge zu werfen, deren Bedeutung wir oft erahnen, deren gegenseitige Abhängigkeit wir häufig vergessen und deren Auswirkungen wir sowohl im negativen als auch positiven Sinne unterschätzen.
Die Deutschen lieben ihr Grundgesetz, so wird es in diesen Tagen häufig über die Medien kommuniziert. Es ist entstanden aus der größten Katastrophe, die ein verbrecherisches Regime je verursacht hat, verantwortlich für unendliches Leid in Deutschland und der Welt. Unter diesem Eindruck ist das Grundgesetz entwickelt worden. Es soll vor einer Wiederholung, vor Diktatoren schützen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich der Freiheitsgedanke wie ein roter Faden durch das Grundgesetz zieht. Freiheit wie freie Entfaltung oder die Freiheit der Person sind verbürgt, auch die Freiheit der Wissenschaft und die kommunale Selbstverwaltung als bürgerliches Freiheitsrecht betont die liberale Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Grundgesetz hat es geschafft, auf dem Papier bürgerliche Freiheitsrechte als Schutz vor dem Staat zu etablieren. Wenn ich sage, „auf dem Papier“, dann stellt sich gerade für den Präsidenten einer Hochschule für angewandte Wissenschaften die Frage, wie wird es umgesetzt? Neben der entsprechenden Institutionalisierung ist von besonderer Bedeutung die Fähigkeit der Gesellschaft der Bürger, das Grundgesetz mit Leben zu erfüllen. Für einen Hochschullehrer kommt sofort die Bildung ins Zentrum der Überlegungen, die Resilienz des Grundgesetzes zu gewährleisten. D.h. Funktionalität, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit müssen in Einklang mit gesellschaftlichen Entwicklungen unter den Prämissen einer liberalen Demokratie bewältigt werden. Das kann nur ein Bildungssystem schaffen, dass diesen Kriterien gerecht wird. Daher lohnt sich ein Blick auf die Ausgestaltung des Themas „Bildung“ im Grundgesetz. Die Überraschung: Ein Recht auf Bildung ist hier nicht ausdrücklich normiert. Bildung kann nur aus den Freiheitsrechten hergeleitet werden. Und auch wenn wir in Deutschland eine Schulpflicht haben, scheint es, dass der Zusammenhang zwischen Bildung und Freiheit nicht direkt hergestellt wird. Das ist aus heutiger Sicht bemerkenswert. Denn intuitiv haben wir schon lange gemerkt, wie wichtig Bildung ist und schon aus unserer eigenen studentischen Erfahrung einen Zusammenhang zur Freiheit hergestellt. Aber: Verstehen wir Bildung wirklich als Voraussetzung für eine funktionierende liberale Demokratie?
Bildung taucht in fast jeder politischen Rede auf. Wir werden überflutet mit Bildungsthemen. Jeder ist und fühlt sich betroffen. Es gehe um den einzigen Rohstoff, über den Deutschland verfüge. Nur durch Bildung könne sich das rohstoffarme Deutschland in der Welt behaupten, Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit erhalten und ausbauen. So klingen viele der bildungsbezogenen Aussagen.
Auf dieser Grundlage werden viele Forderungen gestellt. Schüler brauchen mehr lebensnahe Themen und die Hochschulen mehr Ausstattung. Man fordert mehr Exzellenz im internationalen Wettbewerb und natürlich mehr Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler. Ich glaube, wir finden das alle gut und stimmen dem grundsätzlich zu. Wir lassen uns von den vermeintlichen Erfolgsaussichten der Macht und des Geldes verführen, also möglichst alles von oben nach unten durchsetzen und würden uns freuen, wenn der Nürnberger Trichter funktionieren könnte. Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass wir Bildung falsch beurteilen, vielleicht sogar nicht verstehen und zumindest den existenziellen Zusammenhang zwischen Bildung und Freiheit unterschätzen.
Bildung ist „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.“ Ich glaube, Humboldt hat hier beide Begriffe in einem Satz zusammengeführt und hiermit eine Grundvoraussetzung für unser Selbstverständnis einer liberalen Demokratie geliefert. Denn eine selbstbestimmte Individualität und Persönlichkeit ist nicht nach dem Geschmack autoritärer Gesellschaftssysteme und ihrer Uniformität, sondern sie ist Kern einer liberalen Verfasstheit.
Wenn wir uns hierüber einig sind, sollten wir unser Bildungssystem auf die Umsetzung des oben gesagten überprüfen: Führt unser heutiges Bildungsverständnis zu selbstbestimmten Individuen und Persönlichkeiten? Tun wir alles dafür, um unter den Prämissen des Grundgesetzes zu bilden? Um das zu verstehen, möchte ich ihre Aufmerksamkeit auf ein an Hochschulen regelmäßig diskutiertes Thema lenken: „Bildungsrendite“. Hier geht es um erkenntnisgeleitete oder nutzenorientierte Wissenschaft. Was wirft Rendite für die Gesellschaft und die Wirtschaft ab und was nicht? Was hat der Steuerzahler davon? Wieviel Grundlagenforschung oder nicht direkt ökonomisch verwertbare Wissenschaft will ich?
Ich versuche, diese Fragen in den folgenden Ausführungen zumindest prinzipiell zu beantworten. Nutzenorientierte Wissenschaft verlangt, messbare Ergebnisse zu erzielen und wirtschaftlichen Nutzen zu erzeugen, Jobs zu bekommen, möglichst viel Geld zu verdienen. Lehre und Ausbildung werden in diesem Moment automatisch durch externe, nicht akademische Maßstäbe beeinflusst. Die Freiheit des einzelnen Menschen wird im Wesentlichen auf die (vermeintliche) Nützlichkeit für die Gesellschaft und Wirtschaft beschränkt. Der Raum für die freie Entfaltung der Persönlichkeit wird eingeschränkt. Bologna lässt grüßen.
Und seien wir ehrlich: Zu welchem Studium raten wir unseren Kindern? Es soll auf jeden Fall was „Richtiges“ sein, heißt, damit soll man Geld verdienen können. Damit unterliegen wir der Gefahr der kurzfristigen Ökonomisierung der Wissenschaft, berauben uns des Unvorhergesehenen, schränken wissenschaftliche Potenziale z.B. in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften ein. Wir werden einseitig, unflexibel und schauen nicht über den Tellerrand. Und, letztendlich, schaffen wir durch bürokratisierte Kontrollsysteme ein Klima des Misstrauens, das einer freiheitlichen Gesellschaft widerspricht. Das wird zur Zeit leider durch die Kontrollmechanismen des Bologna-Prozesses exzessiv betrieben. Ich glaube, im ausgeglichenen Verhältnis beider Ansätze liegt der richtige Weg.
Sehr geehrte Damen und Herren, wir brauchen die Offenheit für den humboldtschen Bildungsansatz und die Rolle der Bildung als integrativem Bestandteil der Gesellschaftspolitik auf allen Ebenen der Republik, die ihren Beitrag für eine liberal-demokratische, resiliente Gesellschaft, einen Beitrag für ein gelebtes Grundgesetz leistet. Uns ist bewusst, dass der Erfolg nur auf der Grundlage des Ausgleichs zwischen Erkenntnisinteresse und Nutzen zu schaffen ist. Natürlich müssen wir Geld verdienen. Aber nur in der Kombination sind wir kreativ, innovativ und leistungsfähig. Wir brauchen beides und wir brauchen das Grundgesetz für ein würdevolles Leben.


Werner Bruns und Markus Müller | 03.05.2018 - Neue Zürcher Zeitung

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